Freitag, 9. Oktober 2015

"Schreib wenn du daheim bist" - vom Leben und Lieben in Fernbeziehung



Wenn ich in mein Handy "Schreib" eintippe, schlägt es mir (in dieser Reihenfolge) die Wörter "wenn", "du", "daheim", "bist" vor. Danach kommt meistens noch ein ":-*". Seit vielen Jahren schreibe ich diesen Satz mindestens einmal in der Woche. Nämlich immer dann, wenn mein Freund noch unterwegs ist und ich schon ins Bett gehe. Irgendwann in der Nacht wache ich dann auf, greife zum Handy und lese die Antwort. Mein Freund wohnt gerade 160 Kilometer von mir entfernt. Das ist nicht schlecht, es waren auch schonmal 900, als ich mein Erasmus-Semester in Südfrankreich verbracht habe oder 10.000, als er für ein halbes Jahr in China war. In der gleichen Stadt haben wir nur gelebt, als wir beide noch zur Schule gingen (und ein paar Monate in Straßburg letztes Jahr, aber da haben wir eigentlich nicht beide gewohnt, sondern er bei mir in meinem Mini-Zimmer). 

Wir führen also eine Fernbeziehung. Wir haben schon über 20.000 Kilometer zurückgelegt, um beieinander zu sein - mit dem Zug, dem Fernbus, dem Auto, dem Flugzeug. Die Summe an Geld, die wir dabei ausgegeben haben, rechne ich lieber nicht aus. Ich hasse Fernbeziehungen. Ich hasse es, nicht zu wissen, was der andere gerade macht, ich hasse teure Telefonrechungen und schlechte Skype-Verbindungen, ich hasse es, alleine einschlafen zu müssen und alleine aufzuwachen, ich hasse es, am Telefon zu streiten und sich danach nicht in den Arm nehmen zu können. Ich hasse es, Abschiede so lange es geht hinauszuzögern, weil sie dann doch immer kommen, mit all ihrer Wucht. 

Trotzdem haben wir den allerlängsten Teil unserer Beziehung immer all das in Kauf genommen. Füreinander. Und auch für uns selbst. Weil wir nach dem Abi in unsere eigenen Städte wollten, weil wir eigene Freunde finden wollten und eigene Erfahrungen machen. Weil es in seiner Stadt eben nichts für mich gab, und weil wir ganz unterschiedliche Sachen studiert haben. So ging es immer weiter, durch Bachelor und Master, es hat sich nie ergeben, in die gleiche Stadt zu gehen. Wir waren schon ganz nah dran, aber am Ende ist er dann am gleichen Tag in meine WG gezogen, wie ich ausgezogen bin. 

Was habe ich geweint. Geschumpfen, gezetert, geklagt, all die Jahre. Aber ich bin heute auch sehr stolz auf uns und wie wir das gemeistert haben. Wir haben unseren Weg gefunden, durch all die Irrungen und Wirrungen: Die Post war gut beschäftigt mit all unseren Postkarten, Briefen und Paketen. Als wir irgendwann beide Whatsapp hatten, schickten wir hunderte Bilder hin und her und selbst als er in China war, konnte ich irgendwie Teil haben an seinem Leben dort. Unsere Lösungen waren kreativ, immer liebevoll und haben immer geholfen. Eine meiner Lieblingserinnerungen: Eine Zugfahrt von Heidelberg nach Stuttgart, auf der ich nur den Kopf ein wenig zur Seite drehen musste, um durch einen Tränenschleier am Zugfenster einen kleinen Zettel zu sehen: "Ich liebe dich", stand da drauf, von ihm am Bahnhof von außen an die Scheibe geklebt. Der Zettel steckt noch heute in meinem Geldbeutel, denn er hat gehalten bis zur Endstation. Und er erinnert mich immer daran, wie auch wir immer zusammengehalten haben. 

Unser größtes Erfolgsgeheimnis ist gar keines: Wir haben geredet. Über alles und immer. Wenn wir mal zu wütend waren, um zu telefonieren, haben wir lange e-mails geschrieben. Denn es war uns beiden immer wichtig, sich auszutauschen, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Dafür sind wir auch mal spontan in den Zug gestiegen, haben Uni-Kurse geschwänzt oder viel zu viel Geld bezahlt. So sind die Jahre vergangen. Und ich denke, es war genau so wie es war richtig. Wir sind gemeinsam erwachsen geworden, zwar jeder für sich, aber trotzdem nicht alleine. Wir haben gelernt, auch mal egoistisch zu sein, das ist nämlich auch wichtig. Wir kennen uns heute in- und auswendig und können trotzdem immer wieder neue Seiten entdecken. Wir haben an viele Orte gemeinsame Erinnerungen und Freunde auf der ganzen Welt. Wir haben Abenteuer erlebt, richtig kitschige Dinge und wir haben Neues ausprobiert. Wir konnten nicht verharren, es gab nie Stillstand, weil eben auch das Leben nie angehalten hat. So mussten wir immer flexibel bleiben, uns immer neu aufeinander und auf die Situation einlassen. Und wir haben erlebt, dass uns nichts und niemand etwas anhaben kann.

Dieses Jahr haben wir unser Siebenjähriges gefeiert - beieinander. Denn manche Sachen können wir einfach immer noch besser zusammen. Und ich habe gesagt: Ich warte auf dich. Bevor ich mir in einer neuen Stadt schon wieder ein neues Leben aufbaue, warte ich erst einmal ab, wo Du als Nächstes hingehst. Langsam wird es Zeit für ein neues Kapitel in unserer Beziehung. Das nimmt uns vielleicht ein paar unserer Möglichkeiten. Aber ich werde mit aller Kraft versuchen, mir an deiner Seite etwas aufzubauen, weil ich jetzt genug Fernbeziehung hatte. Und das ist noch nett ausgedrückt. Eigentlich REICHT ES MIR TOTAL. Auch die beste Fernbeziehung braucht irgendwann das Gefühl, angekommen zu sein.

Ich freue mich so sehr auf die erste Nacht, in der ich nicht auf deine Nachricht warten muss. Sondern einfach einschlafen kann, denn du wirst zu mir nach Hause kommen und ich werde mich nur umdrehen müssen, in deine Arme, um zu wissen dass du da bist.





Kommentare:

  1. Ich habe Gänsehaut, denn ich kann es so gut nachvollziehen! Sieben-dreiviertel Jahre Fernbeziehung Friedberg-Blaubeuren sind mir auch definitiv genug!

    Schön, daß ihr euch noch Nachrichten schickt, bei uns ist das sehr eingeschlafen und das finde ich am Schlimmsten. Ich wollte mich nicht dran gewöhnen, es ist einfach passiert.

    Manchmal habe ich Angst, daß wir es zusammenlebend nicht lange aushalten würden. Aber ich weiß auch nicht, wie wir es jemals schaffen sollen, zu eng sind wie beide einfach an unseren Plätzen verwurzelt, seufz. Da habt ihr als Jungspunde es einfach noch leichter. Ich drücke euch die Daumen!!

    Liebste Grüße, Claudia

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    1. Danke, liebe Claudia, für deinen Kommentar. Es ist einfach ein ewiges Ringen - es gibt immer irgendwelche Gründe, die dagegen sprechen, in die gleiche Stadt zu ziehen. Eigentlich war auch nicht geplant, dass es bei uns über sieben Jahre dauert... Ich drücke auch dir die Daumen, dass es euch einfach gut geht, egal wie!

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  2. Ein wunderbarer Beitrag. Bei mir haben Fernbeziehungen nie lange gehalten - ich bin und war wohl nie der Typ dafür. Mein Freund und ich sind zwar jetzt erst knapp ein Jahr zusammen, wohnen jedoch schon beieinander und sind sehr glücklich. Und das witzige ist: wir wohnten nur 6 km auseinander, haben uns aber vorher noch nie gesehen gehabt, obwohl wir beiden in den jeweiligen Orten seit Kindesbeinen an gewohnt haben und wohnten. Ich wünsche Dir und Deinem Herzmann alles Liebe!

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    1. Das ist wirklich witzig! :) Schön, dass ihr jetzt glücklich seid - alles Gute für euch! & Danke für deinen lieben Kommentar. <3

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  3. Dein Text spricht mir aus der Seele. Oder besser sprach mir...
    Wir haben auch fast 5 Jahre eine Fernbeziehung geführt mit 600 km zwischen uns. Dies taten wir aus den selben Gründen, die du schilderst: jeder wollte und sollte einfach mal für sich seinen beruflichen Weg finden und der trieb uns leider auseinander.
    Und viele Male war ich richtig verzweifelt, weil ich keine Lösung für unsere Situation gesehen habe. Und doch hat sich auf einmal eine aufgetan, gerade an dem Punkt, an dem wir beide entschieden haben, dass wir das so nicht mehr wollen.
    Ich kann nur allen Fernbeziehungsführern raten: bleibt dran und gebt nicht auf!
    Wir sind vor vier Jahren gemeinsam in eine neue Stadt gezogen und bereuen es keine Sekunde. Es war für uns die perfekte Lösung und wir sind nach wie vor sehr glücklich damit.
    Tschakka!

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    1. Das klingt toll und macht Mut!!! Danke <3 Ich wünsche euch von Herzen, dass es immer so gut bleibt.

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  4. Na da hoffe ich, dass ihr bald ein Ende der Fernbeziehung habt.
    Ich kann es gut nachvollziehen... mit meinem Ex hatte ich auch phasenweise ein Leben auf unterschiedlichen Kontinenten - vor allem war er meist in Gegenden, wo es kein Whatsapp oder Handyempfang gab, kein Skype, kein Internet - kein Telefon.
    Als er dann ganz nach Südafrika umziehen wollte, weil er da ein Jobangebot an einer Uni bekam haben wir uns getrennt - ich konnte nicht mehr. Allerdings hatte er mich vorher auch betrogen - und das geht nicht bei einer Fernbeziehung da wieder ein Vertrauen herzustellen.

    Mit meinem jetztigen Mann hatte ich auch auch 3 Jahre Wochenendbeziehung - aber nur gut 100km. Dann 1 Jahr täglich pendeln und jetzt bin ich in Elternzeit. Mir graut es schon wieder vor dem Arbeitsbeginn - mit der Pendelei.

    Grüße Sonnenblume

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    1. Es ist doch manchmal verrückt, was man alles auf sich nimmt... Aber ich denke, es lohnt sich. Mach dir keine Sorgen! Alles Liebe <3

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  5. I BIN 51 und hab fast immer FERNBEZIEHUNGEN gführt;;;;;
    vielleicht aus des ANGST von NÄHE,,,,des hab i GOTT sei DANK überwunden,,,,
    aber i versteh di zu guat,,,, irgendwann,,,,, will ma ANKOMMEN,,,,

    i wünsch EICH,,, ein ANKOMMEN,,,,,,und auf eine neiche gemeinsame ZEIT,,,,,

    hob no an feinen ABEND
    bis bald de BIRGIT

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    1. Danke liebe Birgit. Genau, mir reicht es jetzt. :) Aber bestimmt gibt es auch Menschen. für die Fernbeziehungen gerade richtig sind, wer weiß...

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  6. Wunderschön hast du das geschrieben. Ich oder wir mussten zum Glück nur knapp 1.5 Jahre pendeln und auch das viel weniger weit als ihr es tut. Das hat mir schon sowas von gereicht. So sind wir dann schneller zusammengezogen als manch anderer, aber die Chance war da und wir haben sie gepackt. Ich bin so froh über diese Entscheidung. Im nächsten Januar feiern wir 10 Jahre gemeinsam durchs Leben :).
    Ich wünsche euch weiterhin diese tolle Beziehung die ihr habt und dass ihr es auch mit mehr gemeinsamer Zeit schafft. Denn dieser Wechsel ist auch nicht nur einfach :).

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    1. Danke für deine schöne Geschichte, die Mut macht. Bald wird auch unsere Chance kommen! :) Fast zehn Jahre schon, toll! <3

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  7. Schön geschrieben! Auch ich habe in der ersten Beziehung 4Jahre und dann noch mal 1 Jahr fern lieben müssen.... !! Bin dem ersten und dann auch dem zweiten FReund (nun Ehemann) hinterhergezogen, weil es anders nicht gegangen wäre...
    Manchmal kann man es sich nicht aussuchen, aber irgendwann muss einfach schluss sein! Ich wünsche dir viel Ausdauer und auf dass es nicht mehr lange dauert ;)

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  8. Wow. Einfach nur wow. Ein toller Text, der fast zu poetisch klingt um wahr zu sein. Toll, dass ihr so lange trotz aller Widrigkeiten durchgehalten und eure Beziehung nie aufgegeben habt! Sowas gibt es leider viel zu selten - heutzutage geben viele einfach viel zu schnell auf. Umso schöner, dass ihr jetzt über den nächsten Schritt nachdenkt. Ich wünsche euch alles Gute!
    <3 sabrina

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    1. Ooh Sabrina, tausend Dank für deine lieben Zeilen! <3

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  9. Ich kann wirklich nachempfinden, was du durchgemacht hast. Eine Fernbeziehung ist echt kompliziert...
    Würde mich freuen, wenn du auch mal in meinem neuen Blog vorbei schaust.
    http://nilsnektarine.blogspot.de/

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    1. Kompliziert, ganz genau! Ich schau gleich mal bei dir vorbei.

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  10. Ich hatte ziemlich Tränen in den Augen und ich bewundere deinen Text sehr. Ich habe selbst fast drei Jahre eine Fernbeziehung geführt, ein Jahr davon weniger fern als den Rest der Zeit. Und man zweifelt immer es kommen immer wieder Zweifel, wofür man diese Last auf sich nimmt. Aber es lohn sich jedes Mal. Und so schmerzhaft jeder Abschied ist, so schön ist auch jedes Wiedersehen. Haltet durch! Es wird sich lohnen.

    Liebst, Mareike <3

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    1. Liebe Mareike, vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Genau, man zweifelt so viel, lohnt es sich, so viel zu leiden, soll man sich gegen den Studienplatz entscheiden oder doch nicht ...? Ich freu mich so darauf, wenn das vorbei ist! :)
      Alles Liebe, Assata

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  11. Dein Beitrag ist irgendwie schon eine ganze Weile her, aber irgendwie kam ich erst jetzt zum lesen. Ih finde deinen Text super genial und wunderschön. Ich habe mich und meine bessere Hälfte sooo oft wieder erkannt. Wir haben nach 7 Jahren dann auch die Kurve bekommen... oder ich, und bin in seine Stadt gegangen. Endlich zusammen sein war was gaaanz anderes und nach so einer langen Zeit beziehung irgendwie auch eine ganz andere und neue Chalange. Wir haben sie aber gewonnen und wohnen mittlerweile seit 4 Jahren zusammen. Manchmal erinnere ich mich aber gerne zurück wie wir abends telefoniert haben... heute machen wir das natürlich seltener. Die Beziehung hat sich verändert... sie ist anders toll. =) Ihr werdet euren Weg finden...
    Lieber Gruß
    Franzi

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    1. Liebe Franzi, tausend Dank für deinen Kommentar - und eure schöne Geschichte. Macht Mut! :) Euch alles Gute weiterhin!
      Liebe Grüße,
      Assata

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